Wir waren heute in den Pilzen. Anläßlich des in voller Blüte stehenden Herbstes bot sich das förmlich an. Ich gehe gern Pilze suchen. Noch lieber gehe ich Pilze sammeln. Das ist ein himmelweiter Unterschied! In meiner Heimat war’s immer „Pilze sammeln“, beim Studium war es auch eher „Pilze sammeln“, wenn auch die Strecke dafür mit ca. 20km Fußmarsch recht ausgedehnt erscheint. Hier am Bodensee ist es für mich noch immer „Pilze suchen“. Den Grund dafür sehe ich in den schrecklich unaufgeräumten Fichtenwäldern, die durchsetzt mit allerlei Laubgehölz und meterhohem Gras in meinen Augen eher pilzfeindliches Gebiet sind. Auf den schmalen Streifen mit wenig Unterholz und Moos und festem Boden lohnt das genaue Betrachten des Waldbodens wiederum. Vor allem Maronen sind hier zu finden. Auch Hexenröhrlinge, Blutreizker, Fichtenreizker und ab und an ein Schirmpilz sind zu finden. Ich kenne sogar eine Stelle, an der ich vor Jahren recht zuverlässig Steinpilze finden konnte. Leider liegt diese Stelle im total zeckenverseuchten Seewald nahe Friedrichshafen.

Eines ist den mir bekannten Wäldern hierzulande gemein: sie sind einem verworrenen Delta gleich mit mehr oder weniger wasserführenden Gräben durchzogen. Es gilt also höllisch aufzupassen und hin und wieder einen verwegenen Sprung hinzulegen.

Wir wilderten zunächst nahe Tettnang durch den Wald. Unsere Beute bestand aus Maronen und einem Pilz, den ich gern als „Ziegenlippe“ bezeichne, der jedoch sicherlich nicht so heißt. Er benimmt sich aber wie eine Ziegenlippe: er ist essbar und sehr oft sehr madig. Besonders durch das Futter dringen die Maden in die Kappe ein, was man häufig erst daheim bemerkt, wenn man die Pilze für den Verzehr feinschnippelt. Ich habe gerade mal nachgeschlagen: es handelt sich um den „falschen Rotfuß-Röhrling„. Damit habe ich soeben eine Bildungslücke bei mir geschlossen. Es gibt den Rotfuß-Röhrling auch in der nicht falschen Ausführung. Den haben wir auch gefunden. Dazu gesellten sich einige Hexenröhrlinge – ein sehr markanter Speisepilz. Sie sind massive Pilze, die unten an der Kappe eine rötliche Farbe haben. Wenn man sie anschneidet, ist das Pilzfleisch gelb und verfärbt sich ruckzuck blau. Hexenpilze sind sehr mystische Pilze! Außerdem fanden sich ein paar Reizker. Die Blutreizker waren allesamt madig; die Fichtenreizker komischerweise fast gar nicht.
Alles in allem ein völlig normales Pilzvorkommen, wie wir es alle JAhre aufzuweisen hatten und welches uns schon manch schmackhaftes Essen bescherte.

Meiner Frau gelüstete es aber nach „was anderem“. Seit ich ihr in der Anfangsphase unseres gemeinsamen Lebens einen Riesenschirmpilz fing und zubereitete, schwärmt sie davon. Schirmpilze sind hier eher selten, habe ich den Eindruck. In den vergangenen Jahren fanden wir mal den einen oder anderen Parasol, doch diese Gelegenheiten lassen sich mit weniger als einer Hand abzählen.
Pfifferlinge standen ebenfalls auf der Wunschliste. Von Steinpilzen wollen wir erst gar nicht anfangen zu schwätzen.

Also fuhren wir gen Meckenbeuren und dort Richtung Brochenzell raus. Meine Frau hatte dort Wald in Erinnerung. Diesen Wald fanden wir auch mit Hilfe ortskundiger Einheimischer und sofort brachen wir wieder durchs Unterholz – die Nasen durch den losen Waldboden pflügend. Keine 10min später rief ich „Ein Schirmpilz“! Der Grund warum ich das rief war der, dass dort wirklich ein ausgewachsenes Exemplar stand. Das Leuchten in den Augen meiner Frau angesichts der zu erwartenden Gaumenfreuden war schön anzusehen. 🙂
5min später fand ich einen(!) einzelnen(!) Pfifferling. Es war wie verhext. Fehlte bloss noch, dass gleich noch eine Herde Steinpilze hinter dem nächsten Baum hervorsprang! Das passiert aber nicht. Statt dessen säbelte ich mich streckenweise durch Fichtenreizkerfelder, wenn ich es mal übertrieben darstellen darf. Die wurden hier erstaunlich groß und glänzten durch Abwesenheit von Maden. Ein paar weitere Maronen und Hexenröhrlinge komplettierten diesen erfreulichen Vorstoß in neue, unbekannte Pilzgebiete.

Daheim angekommen kam dann erst einmal das, was kommen musste: Pilze saubermachen. Je mehr Pilze man nach Hause schleppt, desto länger sitzt man am Tisch und putzt Pilze. Eine Binsenweisheit.

Den Schirmpilz konnte ich nicht wie gewohnt skalpieren. Aber das machte nichts. Ich säuberte ihn grob und warf ihn mit etwas Butter in die Pfanne. Ein klein wenig Pfeffer darüber, etwas Salz …. hmmmmm … das duftet. Der Geruch ist der Hammer! Und der Geschmack erst!
Ich zerteilte die eine, sich gewohntermaßen leicht ledrig anfühlende Scheibe, in mundgerechte Häppchen und kostete. Wie gewohnt lecker. Mit einer merkwürdigen metallischen Note, die mir in dieser Ausprägung nicht geläufig war. Den anderen schmeckte es ebenfalls; sie verloren jedoch keine Silbe über den Beigeschmack.

Anschließend machte ich mich gleich an die Zubereitung des Abendessens. Nachdem ich 2 Zwiebeln geschält und zerkleinert hatte, diese in einem Topf andünstete und dann begann die Pilze dazuzuschmeißen, merkte ich recht zügig, dass der Topf der vorhandenen Pilzmenge nicht gewachsen ist. Fix tauschte ich den Topf gegen eine Wokpfanne und die fasste dann auch wirklich den kompletten Pilzhaufen. Innerhalb kürzester Zeit bildete sich ein trüber See in der Pfanne. Wegen des Regens der letzten Tage waren die Pilze natürlich randvoll gesaugt und gaben das Wasser nun ab. Es würde eine zeit lang dauern, bis dieses ganze Wasser verdunstet ist, aber Zeit war nicht mein Problem. Nebenbei konnte ich Kartoffeln schälen und kochen, damit sie letzlich als Kartoffelpüree enden würden.

Pilze in einem Topf oder Pfanne bedürfen eines gehörigen Maßes an Aufmerksamkeit. Man muss sehr oft alles „umgraben“. Genau das tat ich immer wieder und dabei bemerkte ich einen komischen Geruch. Der Geruch war … metallisch. Dieses Wort drängelte sich mit Vehemenz in mein Hirn, wenn ich die heißen Dämpfe inhalierte, die der Pilzpfanne entströmten. Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass ich diesen Geruch jemals bei der Zubereitung eines Pilzessen so dominant wahrgenommen hatte. Und ich brate Pilze seit 30 Jahren. Nicht ununterbrochen, versteht sich. Trotzdem kochte ich weiter in der Hoffnung, dass diese Ausdünstung nur vorrübergehender Natur sei. Ich würzte die Pilzsuppe mit Salz, Pfeffer und Majoran. Später wollte ich noch die kümmerlichen Reste unserer Petersilienplantage auf der Terrasse kleinhacken und über die Pilze streuen. Das sieht immer recht hübsch aus.

Aber der Metallgeschmack verschwand nicht.

Im Gegenteil – er wurde immer dominanter.

Nachdem meine Frau es nicht über den Gaumen brachte, auch nur die Winzigkeit einer Kostprobe zu schlucken, gab ich auf, nahm die Pfanne und kippte alles ins Klo.

Das wars. Es würde keine Pilze geben.

Jetzt – mit einigen Stunden Verspätung kommt mir die Parallele zum Schirmpilz ins Bewußtsein. Auch dieser entstammte jenem Waldgebiet, aus dem ich die große Menge an Fichtenreizkern entführt hatte. Sollte es daran liegen? Ist dieser Wald etwa metallisch prägnant?

Ich weiß es nicht. Ich kann das nicht beurteilen und es ist nur eine Vermutung. Ich würde gern morgen noch einmal in den Wald gehen. Aber nur in den Tettnanger und dort eine Fuhre Pilze holen. Diese würde ich absolut analog der heutigen Vorgehensweise zubereiten und dann prüfen. Ich bin mir natürlich nicht sicher, aber ich vermute, dass dieses Essen absolut genießbar sein würde. Ich muss dieser Sache auf den Grund gehen.

Dummerweise muss ich morgen arbeiten. Nicht im Wald, sondern im Büro.

Aber wenn ich könnte, würde ich auch wieder Fichtenreizker mitnehmen. Die habe ich wegen ihrer standardmäßigen leichten Bitterkeit sowieso im Verdacht gehabt. Ein Telefonat mit meinem Vater, einem ebenfalls sehr bewanderten Pilzkönig, bestätigte dies. Auch er hatte die Fichtenreizker gleich auf dem Kieker. Aber ich würde nicht soviele davon nehmen. Wenn ich es recht bedenke war aufgrund der Größe der Pilze das Verhältnis Fichtenreizker zum Rest recht ausgeglichen. War also die Menge an der Ungenießbarkeit des Pilzessens schuld? Oder aber – wenn ich noch einmal auf den Schirmpilz zurückkommen darf – liegt es tatsächlich an dem Waldstück aus dem die Pilze stammten?

Ich werde der Sache auf den Grund gehen. Müssen!

Abschließend sei gesagt, dass es dann einfach nur Kartoffelpüree mit Bratwürstchen gab. Die hatte ich vorsorglich besorgt, da ich in meiner Familie auch Pilzablehner habe. (Auch hier habe ich mich in die Nesseln gesetzt, als ich aus einem Gefühl der Erinnerung „Eberswalder Bratwürstchen“ im Supermarkkühlregal gesehen und gekauft habe. Die Dinger schmecken einfach nur bäh. Ekelhaft. Nie wieder!)

Tja – das war die Geschichte des heutigen absolut missratenen Kochtags. Das einzig positive ist – wenn auch nicht aus kulinarischer Sicht – dass wir richtig gut in der Natur unterwegs waren. Immerhin war das sicherlich unserer Gesundheit zuträglich! 🙂

2 thoughts on “Das versaute Pilzessen

  1. Ach,
    es gibt tatsächlich noch jemand, der mehr als vier Sätze zu seinen Rezepten schreibt?
    Und auch noch ein Mann.
    Das lobe ich mir. Vielleicht sollten Männer (wegen all der vielen Frauen die Foodbloggen) mal eine eigene Interessengemeinschaft bilden….

    Mit leckerem Gruß
    Peter

    • Hi Peter, ich kann dein Erstaunen teilen. Wir sind scheinbar in der Unterzahl. 🙂 Und ja – es sind ja tatsächlich mehr als 4 Sätze pro Rezept! Erstaunlich und ein unglaublicher Vorfall!
      Ich schmöckere übrigens auch ab und zu bei rum. 🙂

      Kulinarische Grüße vom Bodensee
      Jörg

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